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Mittagessen mit Frau Marianne Müller – Country Director von Rituals Cosmetics Switzerland AG

Veröffentlicht am 29 Oktober 2018 von Frank Gerritzen

Im Restaurant Didis Frieden, Stampfenbachstrasse 32, 8006 Zürich

So sehr wie sich Frau Müller mit Rituals identifiziert, fällt es einem schwer zu glauben, dass sie „nur“ Country Director von Rituals Schweiz ist. Sie erzählt uns, dass sie es war, die vor einigen Jahren – als Rituals noch

nicht an eine Niederlassung in der Schweiz dachte – den ersten Schritt gemacht hat. Die Ritual-Stores hatte sie zuvor in Europas Hauptstädten und an verschiedenen Flughäfen entdeckt und kennengelernt, sodass sie mit immer mehr Markenerfahrung im Gepäck von ihren Reisen zurückkehrte. Nicht nur Auftritt, Originalität und Produktqualität von Rituals hatten es ihr angetan, sondern auch die Art, wie Rituals auf die Bedürfnisse der modernen, (schwer) beschäftigten Kunden eingeht. So nahm sie mit dem Rituals-Sitz in den Niederlanden Kontakt auf, um eine Franchise-Lizenz für die Schweiz zu erwerben. Ihre Anfrage wurde damals abgelehnt.  Doch es dauerte nicht lange, bis sich Rituals dazu entschied, in die Schweiz zu expandieren – jedoch ohne Franchising. Mit Marianne Müller stand die richtige Person mit der nötigen Motivation bereits zur Stelle. Frau Müllers harte Arbeit für das Unternehmen sollte sich bald auszahlen: Rituals Schweiz schrieb schon im ersten Jahr schwarze Zahlen!

Frank Gerritzen: Frau Müller, ich kenne Rituals nicht besonders gut, auch wenn ich die Geschäfte schon ein paarmal gesehen habe. Wofür genau steht die Marke eigentlich?

Marianne Müller: Wir leben in einer Welt, in der uns kaum Zeit für uns selbst bleibt, weil wir von Termin zu Termin, von Verpflichtung zu Verpflichtung hetzen. Dabei vergisst man leicht, sich selbst etwas Gutes zu tun; man vergisst irgendwie sich selbst, weil man allem anderen Priorität einräumt. Das ist einerseits bedenklich, andererseits aber auch realistisch. Rituals bietet einen Rückzugsort, eine Wohlfühloase für zu Hause; die Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen, auf sich selbst zu achten, sich zu pflegen und zu erholen sowie eigene Entspannungsrituale zu schaffen. Wir verkaufen die Produkte, die solche Entspannungsrituale ermöglichen und vertiefen, damit man für einen Moment den hektischen Alltag hinter sich lassen kann. Unser Sortiment reicht von Produkten zur Körper- und Gesichtspflege über Badeprodukte und Kosmetikartikel bis hin zu bequemer Kleidung, Duftkerzen und Duftstäbchen für zu Hause. Wir stimulieren alle Sinne!

FG: Was hat Sie persönlich am meisten überzeugt?

MM: Ich komme aus der Mode- und Kosmetikbranche (Anm. d. Red.: Marionnaud, Import Parfümerie, Avene, Douglas, Calida) und hatte das Privileg, für bekannte Marken zu arbeiten. Rituals geht ganzheitlich an das Thema Wohlbefinden heran: Wir verkaufen nicht nur einen Teil des Ganzen, sondern wirklich das Komplettpaket, das wir brauchen, um uns zu verwöhnen und uns selbst etwas zu gönnen. Und genau in dieser Selbstachtung gründet unsere Philosophie, die auch in unseren Stores zu spüren ist. Rituals ist kein gewöhnliches Geschäft, es ist ein Erlebnis. In unseren Stores kümmern wir uns persönlich um unsere Kunden. Wir respektieren die heutige Realität, die Work-Life-Balance aber auch den Fokus auf das Individuum, der vielleicht einen Gegenpol zu den hohen Ansprüchen in unserem Berufs- und Privatleben darstellt. Gleichzeitig ist es eine Antwort des Detailhandels auf die unvermeidbare Zunahme des Onlinehandels: Es gibt einfach Dinge, die man beim Einkauf im Internet nicht erleben oder ausprobieren kann. Es ist übrigens erwähnenswert, dass wir „nur“ 8–10 % unseres Umsatzes über das Internet generieren.

FG: Müssen Ihre Mitarbeiter in den Stores ein besonderes Profil haben? Ist es einfach, geeignete Leute zu finden?

MM: Die zweite Frage kann ich ohne Zögern mit „Nein“ beantworten! Das Schöne an unserer Tätigkeit ist, dass man dafür nicht zwangsläufig langjährige Verkaufserfahrung mitbringen muss. Ich merke sofort, ob jemand hinter unserem Konzept steht und die Philosophie verinnerlicht hat. Und wenn die Person tatsächlich davon überzeugt ist, dann ist sie eine hervorragende Botschafterin. Ebenfalls viel Wert legen wir auf die Dynamik im Team, denn wir alle kennen die Situation, wenn uns beim Betreten eines Geschäfts aus unerklärlichen Gründen ein komisches Gefühl beschleicht. Dies liegt meist daran, dass etwas in der Teamdynamik nicht stimmt oder dass Spannungen vorhanden sind. In unserer Branche ist es entscheidend, dass sich die Leute beim Betreten des Geschäfts sofort wohlfühlen. Da eine positive Dynamik direkt von der sorgfältigen Auswahl des Teamleiters oder der Teamleiterin abhängt, messen wir der Rekrutierung grosse Bedeutung bei. Es kommt schon mal vor, dass wir die Karten neu mischen und Teamleiter- oder Teamleiterinnen den Store wechseln lassen müssen. Solche einfachen Veränderungen können wahre Wunder bewirken, auch was den Umsatz betrifft.

FG: Als Country Director haben Sie bestimmt ganz unterschiedliche Verantwortungsbereiche; wie halten Sie die Verbindung zum Tagesgeschäft aufrecht?

MM: Da haben Sie recht: Ich kümmere mich um das Recruiting, das Reporting und bin auch für Stores in Südwest Deutschland zuständig. Natürlich besteht hier das Risiko, dass sich die Arbeit ungewollt ins Back-Office verlagert. Deshalb verbringe ich 50 % der Zeit im Store, manchmal sogar als Verkäuferin: Das ist die beste Methode, um mit den Kunden in Kontakt zu bleiben und eine direkte Rückmeldung des Marktes zu erhalten, die mehr Wert ist als jede Marktanalyse. Wie im Detailhandel üblich unterliegt auch unsere Tätigkeit grossen saisonalen Schwankungen. In der Hauptsaison des Weihnachtsgeschäfts sind wir ausnahmslos alle an der Front anzutreffen.

FG: Wenn man ein Rituals-Geschäft betrachtet und den Kerngedanken versteht, dann assoziiert man damit etwas eher Feminines, stimmt das?

MM: Da könnten Sie sich täuschen: 30% unserer Kunden sind Männer und zwar nicht nur solche, die nach einem Geschenk für ihre Partnerin suchen. Hier hat unsere Gesellschaft einen grossen Schritt gemacht: Die Männer haben inzwischen ebenfalls das Recht, sich verwöhnen zu lassen und ihr Leben zu entschleunigen, ohne damit ein Tabu zu brechen. Sie wissen Erholung, Entspannung und den Weg zu einem gesünderen Leben genauso zu schätzen.
 
FG: Wie sehen die nächsten Schritte von Rituals Schweiz aus?

MM: Wir sind praktisch immer auf der Suche nach Verkaufsstandorten mit viel Laufkundschaft. Dabei müssen wir darauf achten, dass die Verkaufsfläche, der Preis und das Einzugsgebiet mit unseren Suchkriterien übereinstimmen. Anschliessend besprechen wir alles auf nationaler Ebene sowie innerhalb der Gruppe, um weitere Denkprozesse anzustossen. Wenn man sich mit Gesundheit und Wohlbefinden beschäftigt, merkt man, dass weitere Bereiche dazugehören, weshalb wir inzwischen auf unserer Website beispielsweise auch ayurvedische Kochrezepte anbieten. Unsere Kreativität ist ständig gefordert! Wir stehen nicht unter dem Diktat eines Sitzes, das den Schwerpunkt auf die Expansion anstelle der tagtäglichen Umsetzung legt. Unseren Grundgedanken „work hard, play hard“ teilen wir mit vielen unserer Kunden. Ich selbst werde bald zwei Wochen Tauchferien auf einer Insel vor der südamerikanischen Küste machen, ohne WLAN und Telefonanschluss. Diese Auszeit gönne ich mir, aber wenn ich zurückkomme und der Weihnachtsverkauf beginnt, werde ich 200 % geben!