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Arbeit und/ist Politik

Veröffentlicht am 10 Dezember 2019 von Vincenzo Ganci

In der Geschäftswelt gibt es derzeit eine Art Dogma: um an die Spitze der Hierarchie zu gelangen oder manchmal nur um zu überleben, muss man politisch versiert sein. Man muss sichtbar sein, sein Netzwerk pflegen, seine Arbeit in den Vordergrund stellen, sich gut verkaufen können, sich unentbehrlich machen. So gesehen hat der Begriff „politisch“ eine negative Konnotation, die wahrscheinlich mit der Wahrnehmung verbunden ist, dass die Person, die sich auf diese Art verhält, hinterhältig ist, Gefallen sucht und versucht voranzukommen, ohne es zu verdienen. Aber Politik ist viel mehr als das: sie ist auch das Werkzeug derjenigen von uns, die Verantwortung übernehmen und führen wollen. Der Wunsch nach Macht ist eine sehr persönliche Eigenschaft, oft angeboren, manchmal auch erlernt. Der Wunsch oder das Bedürfnis, Macht auszuüben, ist ein Persönlichkeitsmerkmal, welches jemanden oft zu einer machtvollen Position verhilft.

In einem kürzlich geführten Gespräch mit einer Führungskraft eines renommierten internationalen Unternehmens in Genf haben wir erfahren, dass eines der Hauptreflexionsfelder mit dem Entwicklungscoach die Ausübung der Politik war. Tatsächlich ist dieser Manager eine talentierte, engagierte und loyale Person, die von seinen Teams geschätzt wird und die hart arbeitet, ohne seine Stunden zu zählen, im Interesse seines Unternehmens. Andererseits vernachlässigt diese Person die Politik. Um beispielsweise bei einem internationalen Treffen die Reisekosten für sein Unternehmen zu senken (Abwesenheit vom Büro, Hotelkosten usw.) und seine Zeit zu optimieren, macht er die Rundreise in der Regel am selben Tag. Doch um die „Politik zu pflegen“, sollte er einen Tag früher anreisen, um andere Kollegen zu treffen, ein paar Hände zu schütteln, Mahlzeiten zu teilen und sich sichtbar machen. Diese Veränderung hat Früchte getragen, da sich sein Ansehen im Unternehmen verbessert hat, ohne viel mehr Engagement verlangt zu haben. Was wir über unseren Manager nicht wissen ist die wichtige Frage, ob er in seiner neuen Situation glücklicher ist als vorher.

Ob es gefällt oder nicht, die Politik ist ein integraler Bestandteil des Geschäftslebens. Die Fragen, die sich jeder stellen muss, sind, was wir wollen und was unsere Ziele sind. Aber man kann niemanden für seine Ambitionen verantwortlich machen, höchstens dafür, wie man sie erreichen will. Von einem Mitarbeiter wird in erster Linie erwartet, dass er das Beste aus dem macht, was von ihm erwartet wird. Wenn er in seiner Organisation vorankommen will, ist das sein absolutes Recht, und wenn die Politik sein Werkzeug ist, wieso sollten wir ihn beurteilen dürfen? Politische Fähigkeiten dienen denen, die strebsam sind und hoffentlich die Fähigkeit haben, zu führen und leider auch manchmal denen, die zu faul oder nicht in der Lage sind, durch ihre eigenen beruflichen Fähigkeiten voranzukommen.