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Der Mythos des beruflichen „Rückschritts“

Veröffentlicht am 31 Januar 2018 von Vincenzo Ganci

Sie gehen auf die Fünfzig zu oder haben sie bereits überschritten. Sie haben eine schöne Karriere hingelegt, ein Eigenheim gebaut, Ihr Vermögen für die Rente gesichert und Ihre Kinder verlassen allmählich das Nest, um zu studieren oder einem Beruf nachzugehen. Sie setzen nun andere Prioritäten: Sie relativieren – Ihrer Meinung nach aus Klugheit – den Run auf eine höhere Position, ein verlockenderes Gehalt oder ein grösseres Mitarbeiterteam. Sie wünschen sich zunehmend mehr Zeit, deren Endlichkeit Sie immer klarer vor Augen sehen.

Sie sagen sich daher, dass Sie einen Gang zurückschalten, einen Rückschritt in Ihrem Berufsleben hinlegen und dennoch aktiv bleiben sollten (Rechnungen müssen ja trotzdem bezahlt und die kommende Generation beim Start ins Leben unterstützt werden). Aber es steht ausser Frage, dies in dem Unternehmen zu tun, in dem Sie sich etwas aufgebaut haben: Sich von zuvor unterstellten Personen führen zu lassen ist undenkbar! Ein neuer Arbeitgeber hingegen würde von Ihren 25 Jahren Berufserfahrung profitieren und Ihnen im Gegenzug ein angesichts Ihrer Kompetenzen angemessenes Gehalt anbieten. Eine „Win-win“-Situation, das ist doch klar. Die Realität: Der berufliche „Rückschritt“ einer erfahrenen Person, die aus verschiedenen Gründen eine unterqualifizierte Stellung annimmt (und ein entsprechendes Gehalt) ist oft mehr Mythos als Realität.

Warum ist dieser Traum so schwer erreichbar? Lesen Sie, was Fachleute dazu sagen:

·       Trotz dem, was die Literatur dazu sagt und die gute Praxis vorschreibt, sind viele Manager doch verunsichert, wenn sich in ihrem Team ein Mitarbeiter befindet, der kompetenter ist, der sie in den Schatten stellt, ihnen widerspricht, sie sogar ersetzen könnte.

·       Es herrscht der nicht ungerechtfertigte Glaube vor, dass sich bei einem Menschen, der in der Vergangenheit Verantwortung getragen hat – auch strategischer Natur –, mit der Zeit Frustration aufbaut, wenn er auf einmal recht einfache Aufgaben übernehmen soll.

·       Auf Managementebene wird man sich immer fragen, ob der entsprechende Mitarbeiter wirklich den Willen hat, „Hand anzulegen“, falls tatsächlich mal Einsatz gefragt ist.

·       Unternehmen stellen lieber Mitarbeiter ein, die „begierig“ sind, die vorankommen möchten und hierfür Energie einsetzen und Begeisterung zeigen.

·       Und letztendlich entwickeln wir in einem System, in dem es stets um das „immer mehr“ geht, ein instinktives Misstrauen gegenüber denjenigen, die dieses Spiel nicht mitspielen möchten.

Die gute Nachricht lautet, dass es trotz der Hindernisse auch Lichtblicke gibt: Insbesondere in Bereichen, in denen Erfahrung gefragt ist, wie etwa Engineering, spezialisierte Produktion, Bauwesen oder Medizin, ist der gegenteilige Trend zu beobachten. Es sind letztendlich die Ausdauer, die persönliche Einstellung, das Knowhow und die Qualität der Beziehungen, die bei der Überwindung dieser Hindernisse ausschlaggebend sind.