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Es lebe die Langeweile!

Veröffentlicht am 12 August 2019 von Frank Gerritzen

Die Ferien sind der geeignete Zeitpunkt, um neue Kräfte zu schöpfen und über die eigene berufliche Zukunft und den Sinn der eigenen Berufsauswahl nachzudenken. Zwei vor einigen Jahren erschienene Artikel geben daher Anlass, die Berechtigung der Tatsache, dass wir überhaupt arbeiten, zu hinterfragen. Im Ersten (1) beschrieb die Autorin die Qualen der Langeweile und wies darauf hin, dass auch hervorragend vergütete Angestellte sich heutzutage so masslos langweilen können, dass sie sich lieber „aus dem Fenster stürzen“ würden. In ihrem Artikel zitierte sie dazu auch ein Buch zum Thema… Langeweile (2). In einem Interview erklärte uns der Neurobiologe und Göttinger Universitätsprofessor Gerald Hütther (3), dass die Langeweile, und vor allem der Kampf gegen diese, massive Energiemengen unseres Gehirns verbraucht, was der Intuition zuwiderläuft.

Wir sehen regelmässig Bewerber, die ein neues Betätigungsfeld suchen, weil sie sich langweilen (oder dies zumindest glauben). Nicht, weil sich ihre Verantwortungen oder ihre Aufgabe geändert hätten. Sie langweilen sich einfach, weil sie „alles durch haben“ – dieser Ausdruck kehrt fast systematisch wieder. „Durch“ kann ein kurzer oder langer (bei CEO) Weg sein, doch es ist ein Weg. Und erstaunlicherweise dauert es anscheinend circa 5 Jahre, bis man „alles durch hat“, um bei diesem Ausdruck zu bleiben, egal mit welcher Geschwindigkeit man sich dabei bewegt (empirisch scheint es, dass dieser Zyklus bei Personen unter 30, je nach Individuum, eher 2-3 Jahre beträgt). Mit anderen Worten: Sie nehmen eine neue Herausforderung an, Sie sind aufgeregt, angeregt, Sie lernen einen Haufen neuer Dinge, die Herausforderungen überstürzen sich. Dann beginnen Sie nach und nach, mit den Sachen klarzukommen, sie zu beherrschen, still und leise richten Sie sich in Ihrer Komfortzone ein und fast schleichend macht sich Langeweile breit.

Die individuellen Reaktionen angesichts der Langeweile fallen sehr unterschiedlich aus: Manche stürzen sich in zahlreiche Freizeitbeschäftigungen (Sport, Vereine, Familie…), andere bemühen sich, die Sachen im Rahmen ihres Betriebs zu verändern, um sich neuen Herausforderungen stellen zu können, und dann gibt es auch welche, die einen Berufswechsel anstreben. Doch eines haben alle diese Herangehensweisen gemeinsam: Sie erzeugen einen großen Energieaufwand, um dem Aufkommen von Langeweile entgegenzuwirken. Und jetzt wissen wir ebenfalls, dass jene, die nicht auf Langeweile reagieren, ebenso viel, wenn nicht noch mehr, Energie verbrauchen, als die unternehmungslustigeren Kollegen! Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was man wohl tun könnte, oder über die Tatsache, dass man untätig ist, sind beides energieaufwendige Tätigkeiten…

Das Paradoxon besteht darin, dass wir „dank“ unserer Smartphones und Notebooks permanent mit mehr oder (in der Regel) weniger relevanten Informationen bombardiert werden: Langeweile entsteht somit offensichtlich nicht aus einem Mangel an allgemeiner Anregung, sondern aus einem Mangel an bedeutsamer, inhaltsreicher, sinnvoller, nachhaltiger Anregung. Beschäftigung bedeutet nicht Anregung und Langeweile bedeutet nicht Mangel an Anregung.

Daher mache ich folgenden Vorschlag: Lasst uns unsere Bildschirme beiseitelegen, die häufig nur dazu dienen, eine Leere auszufüllen, die aus „leeren Kalorien“ (ein Begriff aus der Ernährungswissenschaft) besteht, und lernen, täglich mit etwas Langeweile umzugehen. Zunächst erlaubt uns die häufig konsequente Träumerei, kreativ zu sein, da sie die Relativierung unserer Qualen ermöglicht und uns, vor allen Dingen, durch ihre Erholsamkeit wieder auffrischt. Sie ist das Fundament, auf dem wir bauen können. Das ist so viel einfacher und wirksamer als Meditation, zu der wir offenbar alle verurteilt scheinen, falls wir uns nicht in Acht nehmen!

(1) Emma Jacobs, A little bit of boredom at work can go a long way, Financial Times, Ausgabe vom 6. Mai 2016
(2) Peter Toohey, Boredom, a lively history, Yale University Press, New Haven & London, 2011
(3) Gerald Hüther, Mehr Hirn, bitte!, Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe 9. Mai 2016