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Nach der Theorie kommt die Praxis

Veröffentlicht am 22 Januar 2018 von Frank Gerritzen

In einer früheren Kolumne (zum Artikel), die zahlreiche Leserreaktionen hervorrief, sprachen wir über die Vorurteile der „Headhunter“ und ihrer Kunden gegenüber weiblichen Bewerberinnen: Diese Vorurteile rühren in erster Linie aus einer Unternehmenskultur, die historisch gesehen auf einem patriarchalischen System beruht, welches von der heutigen Realität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abweicht.

Auf der Führungsebene ist es schwierig, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, da dort nur sehr wenige Frauen eingestellt werden. Das System Sexismus wird im Übrigen sowohl von Frauen als auch von Männern reproduziert und zwar aufgrund einer Konditionierung und einem realen oder vermeintlichen gesellschaftlichen Druck. Der erste erforderliche Schritt ist daher, sich dieser Stereotypen und Ungleichheiten bewusst zu werden.

Soll die angewandte Gegenmassnahme wirkungsvoll sein und als legitim gelten, muss sie an der Quelle ansetzen. Ein Kulturwandel ist nötig. Alles beginnt mit der Erziehung unserer Kinder. Die Literatur, die zu diesem Thema verfasst wurde, würde ganze Bibliotheken füllen; es ist also nicht einfach, sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen. Wichtig ist für uns Erwachsene daher hauptsächlich, dass wir uns bewusst sind, wie stark wir dazu neigen, „geschlechtstypische“ Stereotypen auf unsere Kinder zu übertragen. Die grundlegende Änderung der Weltanschauung zukünftiger Generationen, bei so unterschiedlichen Themen wie dem Stellenwert der Arbeit oder unseren Verbrauchergewohnheiten, ist das wirkungsvollste Mittel, die Zukunft zu beeinflussen.

Doch wir sollten uns nicht damit zufriedengeben, diese Änderungen für die nächste Generation anzusetzen. Wir benötigen jetzt und hier eine grundlegende und schnelle schrittweise Veränderung: Zunächst müssen wir uns des Problems bewusst werden; dann müssen wir es ändern wollen; es folgen konkrete Handlungsstrategien, die wir kontinuierlich evaluieren (damit wir nicht in alte Muster abrutschen); und schliesslich brauchen wir etwas Zeit.

Es ist wichtig, Unternehmen und deren Führungskräfte zu schulen. So wiederholen Veränderungsspezialisten immer und immer wieder: Die Veränderung beginnt auf der Führungsebene. Zusätzlich zur Schulung bedarf es einer kollektiven Hinterfragung (die auch von oben in die Wege geleitet werden muss) bezüglich der Unternehmenskultur und der Strategien auf Führungsebene, um ein gendergerechteres, weniger patriarchales Umfeld zu schaffen, das für die neuen Generationen (Männer wie Frauen) attraktiv ist und es allen ermöglicht, ihr Talent und eine auf die Zukunft ausgerichtete Führungskompetenz zu entwickeln. Und Schulung heisst: Man nimmt sich die Zeit zum Analysieren, zum Verstehen, zum Erlernen neuer Verhaltensweisen, zum Reflektieren und zum sich in Frage stellen und setzt dann die eigenen Erkenntnisse in die Tat um. Wie bei jedem Lernprozess muss man bereit sein, Ressourcen zu investieren – sowohl finanzielle als auch zeitliche – und für offene, aktive Kommunikationskanäle zu sorgen. Die gute Nachricht? Es funktioniert!