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Nichts als die Wahrheit! Aber nicht unbedingt die ganze Wahrheit

Veröffentlicht am 10 Juli 2018 von Frank Gerritzen

Das soziale Verhalten vieler Menschen ist heutzutage mehr und mehr geprägt von den neuen Standards der Eigendarstellung in den sozialen Netzwerken. Dort gibt man mittlerweile oft mehr von sich preis, als man das im „richtigen Leben“ tun würde. Allerdings wird diese Grenze zwischen Online und Offline mit der Zeit immer öfter überschritten, sodass Menschen im Alltag ein „allzu authentisches“ Verhalten an den Tag legen. Fragt man nun vor einem Bewerbungsgespräch um Ratschläge von Freunden und Bekannten, erhält man leider oft den (schlechten) Rat „Sei einfach du selbst!“ oder „Bleib ganz authentisch!“.

Dieser Rat könnte Sie allerdings teuer zu stehen kommen. Denn sein wahres Ich sollte man potenziellen Arbeitgebern auf keinen Fall zeigen. Allerhöchstens der eigene Psychoanalytiker sollte dieses Ego zu Gesicht bekommen. Warum? Nun, stellen Sie sich einmal vor, Sie würden einfach frei heraus alles sagen, was Ihnen gerade durch den Kopf geht.  Wie würde Ihr Gegenüber wohl reagieren, wenn Sie ihm Ihre intimsten Gedanken mitteilen würden? Das ist im besten Fall unhöflich und im schlimmsten Fall verwerflich und irrelevant. Ein guter Ratschlag wäre hingegen, aufrichtig zu sein, aus Überzeugung zu sprechen und über ein relevantes Thema, bei dem Sie sich gut auskennen, aus dem Bauch heraus zu reden.

Als ich vor langer Zeit gerade frisch auf dem Arbeitsmarkt angekommen war, konnte mich jede noch so entfernt persönliche Frage total aus dem Konzept werfen. Das lag erstens daran, dass ich nicht auf die Frage vorbereitet war (Fehler Nr. 1) und zweitens daran, dass ich dann auch noch versuchte, meinen Gesprächspartnern nur das zu erzählen, was sie meiner Meinung nach hören wollten (Fehler Nr. 2). Bei jeder noch so kleinen Abweichung von der absoluten Wahrheit bekam ich einen hochroten Kopf und es formten sich die Schweissperlen auf meiner Stirn – bestimmt ein bemerkenswerter Anblick für meine potenziellen Arbeitgeber.

Wenn man einmal mit einer kleinen Notlüge anfängt, dann hat man schon den ersten Spatenstich für die eigene Grube – die Absage – gesetzt. Ich persönlich konnte durch Lügen noch nie etwas erreichen. Deshalb rate ich Ihnen: Sagen Sie die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – aber eben nicht immer die ganze Wahrheit.

Artikel veröffentlicht in Französisch auf HR Today Le Blog (leblog.hrtoday.ch)