Back

Perfektion oder Kompromiss ?

Veröffentlicht am 18 September 2018 von Frank Gerritzen

Wir, die einfachen und sterblichen Menschen, neigen in der Arbeitswelt, im Sport, in der Partnerschaft, als Eltern und sogar in Hinblick auf unseren eigenen Körper manchmal zu einer selbstzerstörerischen Suche nach Perfektion. Die Medien, vor allem soziale Medien, fungieren dabei als Sprachrohr (und Bilderquelle) für dieses obsessive Streben nach dem Besten, dem Besseren, dem Schönsten und dem Perfekten.

Gehört diese Besessenheit wirklich zu unserer menschlichen Natur?  In der Natur selbst geht es eigentlich viel mehr um Kompromisse, um das Optimale und nicht das Maximale. Lebende Organismen (zu denen wir selbstverständlich auch gehören) haben sich an ein sich ständig wandelndes Umfeld angepasst und tun dies auch weiterhin. Die Natur möchte ohne Übertreibungen optimieren, was sie bereits hat. Der Grund dafür ist ganz einfach: Lebewesen müssen in der Lage sein, sich verschiedenen, manchmal sogar widersprüchlichen Situationen zu stellen. Pelztiere halten klirrende Kälte aus, aber wenn der Sommer kommt, müssen sie auch Hitze aushalten können. Hätte die Natur es so eingerichtet, dass überhaupt keine Kälte an sie herankommt, hätten sie nicht einen Sommer überlebt (und die vor Kälte geschützte Tiere sind ausgestorben und können nicht mehr Zeugnis davon ablegen). Eine höhere Kompetenz und zusätzlich erworbene Fähigkeiten auf einem Gebiet gehen stets auf Kosten eines anderen Gebiets, zum Beispiel Geschwindigkeit gegen Kraft, Ausdauer gegen Geschwindigkeit und so weiter.

In der Arbeitswelt wird zurzeit mit einem Tabu Schluss gemacht. Wir haben bei unseren Bewerbern nämlich bemerkt, dass sie nach einem ausbalancierten Leben streben. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Arbeit, Familie, Ausbildung und sozialem Leben. Auch Kunden wird so ein „Savoir-être“, eine gute Lebensführung, immer wichtiger. Das gilt sogar für von Grund auf technische Berufe, die keine sozialen Kompetenzen erfordern. Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber streben ein Gleichgewicht zwischen Arbeitslast und „Lebenslast“ an. Wir Menschen sind dabei jedoch wie in vielen anderen Bereichen ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Es ist bedauerlich zu beobachten, dass Perfektion langsam sogar auch bei der Suche nach dem Gleichgewicht angestrebt wird! Das zeigt sich in einer gewissen Unnachgiebigkeit im Arbeitsleben, die sich in mangelnder Flexibilität, einem Konflikt mit Unternehmenskultur und -leitbild und in der Dogmatisierung eines idealen Lebens äussert. Das Leben, vor allem das Arbeitsleben, erfordert Kompromisse. Man muss Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich bieten und gegebenenfalls genau wie in der Natur Abstriche machen.

Vielleicht ist Perfektion also auf bestimmten Gebieten nicht die beste Lösung, aber zumindest der beste Kompromiss zwischen den verschiedenen Spannungen, die Privat- und Arbeitsleben verursachen.