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Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land? Und der Sportlichste?

Veröffentlicht am 28 Mai 2018 von Frank Gerritzen

Kürzlich habe ich mich mit zwei Freunden darüber unterhalten, wie viel Sport wir unter der Woche machen. Der eine, nennen wir ihn Jan, macht regelmässig Sport, redet jedoch sehr bescheiden von seiner eigenen Leistung. Seiner Meinung nach ist er nicht in Form, macht nicht genug Sport und die Freunde, mit denen er Fahrrad fährt, sind alle besser als er. Sein schlanker und durchtrainierter Körper beweist jedoch das Gegenteil.

Dem anderen Freund, nennen wir ihn Paul, sieht man hingegen die mangelnde körperliche Betätigung und seine Hingabe zu den (Gaumen-)Freuden des Lebens deutlich an. Was, ganz nebenbei bemerkt, mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger ist als Sport. Aber darum geht es jetzt nicht,  sondern darum, dass Paul, der ganz offensichtlich in schlechterer körperlicher Verfassung ist als Jan, ganz selbstbewusst davon spricht, dass er „täglich Sport macht“.

Als ich Paul freundschaftlich damit aufziehen wollte, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprechen könne, merkte ich jedoch, dass er selber ehrlich davon überzeugt war und so brachte ich es nicht übers Herz, ihm die Wahrheit zu sagen. Natürlich treibt Jan mehr Sport als Paul  und natürlich ist Jan besser in Form als Paul,  doch Paul hat ein viel positiveres Bild von sich und seiner Leistung.

Bei Einstellungsgesprächen ist es unglaublich schwierig, die Selbstwahrnehmung der Kandidaten mit der Realität in Einklang zu bringen. Stellen Sie sich eine Matrix mit 4 Feldern vor. Es gibt jene Kandidaten, die sich selbst für topqualifiziert halten und es auch sind. Dies ist nebenbei bemerkt eine sehr allgemeine Evaluierung der Übereinstimmung zwischen erforderlichen und tatsächlich vorhandenen Kompetenzen; es handelt sich also um keine absolute, sondern eine relative Bewertung. Dann gibt es jene, die topqualifiziert sind, es jedoch nicht wissen, jene die es nicht sind und sich trotzdem dafür halten und jene, die es nicht sind und dies auch wissen. Die Personen der ersten und letzten Kategorie sind in der Lage, die Realität richtig einzuschätzen, die anderen beiden jedoch nicht.

Es ist für uns quasi unmöglich, uns selber „richtig“ einzuschätzen: Basierend auf unserer Persönlichkeit und auf Erfahrungen, die wir in unserer Vergangenheit gemacht haben, haben wir alle eine verzerrte Sicht auf uns und unseren Wert für den Arbeitsmarkt. Also liegt es nun am Personalvermittler, vor und während des Gesprächs mittels einer Analyse der Bewerbungsunterlagen und gekonnter Gesprächsführung einzuschätzen, wer der Kandidat wirklich ist, was er kann und was er weiss. Ist das, was er angibt, auch das, was er selber für die Wahrheit hält? Und wenn ja, entspricht dies auch der Realität?

Es geht also darum, Informationen abzugleichen, Referenzen zu überprüfen und den Kandidaten mit Fragen zu löchern, sodass er nicht lange nachdenken kann, und sein wahres Gesicht zeigen muss. Vor allem sollte man ihn jedoch bitten, bedeutende Erlebnisse aus seinem beruflichen Werdegang, sowohl positive als auch negative – sozusagen aus der Sicht eines Aussenstehenden –, zu beschreiben. Es gibt keine Möglichkeit, diesen Vorgang zu verkürzen. Für einen erfolgreichen Einstellungsprozess sind der Einsatz, die Zeit, die Erfahrung und die Ausdauer des Personalvermittlers von entscheidender Bedeutung.

Hält man sich nicht an diese Regel, so läuft man Gefahr, einem Kandidaten Glauben zu schenken, der sich über seinem Wert verkauft. Oder noch viel ärgerlicher: Man verpasst den perfekten Kandidaten, weil sich dieser seiner wahren Qualitäten nicht bewusst ist.

Artikel veröffentlich in HR Today Le Blog – hrtoday.ch – übersetzt aus dem Französischen.