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Status

Veröffentlicht am 9 Mai 2016 von Frank Gerritzen

Ein guter Freund hat vor Kurzem sein florierendes Familienunternehmen verkauft. Sein Grossvater hatte es vor vielen Jahren gegründet. Aus persönlichen Gründen war es ihm nicht möglich, das Familienerbe an die vierte Generation weiterzugeben. Zwischen dem ersten Gedanken an einen möglichen Verkauf und der tatsächlichen Übergabe der Vermögensrechte vergingen 15 Jahre.

Zunächst einmal scheint es überraschend, dass jemand sich so viel Zeit nimmt für die Entscheidung, ob er ein lukratives Unternehmen verkauft oder nicht. Vor allem ich selber war sehr überrascht. Ich stamme nun einmal nicht aus einer langen Dynastie von Unternehmern und will meinen Kindern sowieso die grösstmögliche Entscheidungsfreiheit bezüglich ihrer beruflichen Laufbahn überlassen. Potentielle Käufer gab es zur Genüge. Die scheinbar unüberwindbare Hürde lag dann wohl eher daran, dass meinem Freund der echte Wille zum Verkauf fehlte. Nach mehreren Gesprächen vertraute er mir an, dass sein Zögern nichts mit dem Verkaufspreis zu tun hatte. Auch störte es ihn nicht, dass er möglicherweise als Totengräber (seine Worte) der Dynastie angesehen würde. Nicht einmal die Aussicht auf ein geringeres Einkommen war der Grund für sein Zaudern. Der wirkliche Grund, warum er nachts nicht schlafen konnte, warum es ihm so schwer fiel, eine Entscheidung zu treffen, hatte mit seiner Angst zu tun; die Angst davor, seinen Status zu verlieren. Dabei muss man wissen, dass mein Freund sich seit jeher mit seinem Unternehmen und seinen Produkten identifizierte. Seine Angst, seine Wahnvorstellung, sein Alptraum war, dass er von einem Tag auf den nächsten nicht mehr als Stellvertreter der Produkte dieses Unternehmens erkannt würde (auf der Strasse, in seiner Familie, in gesellschaftlichen Kreisen). Ich muss wohl kaum sagen, dass diese Gedanken nicht in der Realität gründeten. Für die Menschen in seinem Umfeld war er noch so viel mehr als nur Unternehmer: Vater, Freund, Bekannter, Partner, usw. Er hatte dieses einseitige Image zweifellos zu solch einem Extrem aufgebauscht, weil er sich selber nur in dieser einen Funktion wiedererkannte.

Ich erzähle Ihnen von diesem Freund, da wir diese Ängste heutzutage auch anderswo in der Arbeitswelt wiederfinden. Viele, die sich mit der Möglichkeit eines Wechsels ihres Arbeitsplatzes konfrontiert sehen, zögern. Der Grund dafür hat nichts mit Hierarchie, Bezahlung oder Funktion zu tun. Oft haben diese Menschen Probleme, ihr altes „Ich“ gehen zu lassen. Sie glauben, sie würden damit auch ihre Identität ablegen – wie einen alten Hut, den sie jahrelang getragen haben. Nach so langer Zeit ist es schwer, diesen alten Begleiter, den man bei allen möglichen Gelegenheiten getragen hat, einfach beiseite zu legen. Er ist bequem, hat genau die richtige Grösse und tut alles, was man so von einem Hut erwartet. Aber eine Kopfbedeckung macht noch nicht die komplette Garderobe einer Person aus! Wenn wir unseren Posten ablegen, bleiben wir trotzdem noch Bruder, Mutter, Freund oder Partner.

Die Ehrfurcht vor der Veränderung gründet nur selten in „objektiven“ Einwänden (wie z. B. eine Änderung der finanziellen Vergütung, die zudem auch noch potentiell attraktiver werden kann). Viele halten sich die Verzichte vor Augen, die auf sie zukommen: der Verzicht auf gewisse Annehmlichkeiten, auf gewohnte Abläufe, auf Anerkennung als Experte auf einem Gebiet. Egal wie unangenehm die gelebte Realität auch ist, sie ist einem bekannt und vertraut. Und es ist bequem, dort zu bleiben. In der Zukunft liegt hingegen das Unbekannte; dort kann alles passieren.

Nur wenige wissen oder ahnen, dass das Ungewisse, das Neue uns viel eher ermöglicht, neue Erfahrungen zu sammeln, unseren Horizont zu erweitern, uns persönlich weiterzuentwickeln und, im weiten und humanistischen Sinn des Wortes, reicher zu werden. Auch wenn wir uns entscheiden, unseren Hut, der bisher unser Markenzeichen war, abzulegen, stecken darunter doch eine Vielzahl anderer, die uns ebenso zu dem machen, wer wir sind – trotz Veränderung. Beim Wechsel in ein neues Arbeitsverhältnis steht also oft viel weniger auf dem Spiel als wir vielleicht denken.

An diesem Punkt sollten wir uns an das alte Sprichwort erinnern: Wer wagt, gewinnt. Nur wer gewisse Risiken im Leben eingeht, der wird auch neue Wege beschreiten können. Und dabei findet man heraus, dass der Schritt ins Ungewisse oft weit weniger schwerwiegende Konsequenzen mit sich zieht als erwartet.