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Wer trifft eigentlich meine Entscheidungen?

Veröffentlicht am 20 März 2018 von Frank Gerritzen

Als ich vor Kurzem einen Bestseller zum Thema „Klares Denken“ las (übrigens von einem Schweizer Autor), wurde ich wieder einmal daran erinnert, dass unsere täglichen Entscheidungen, sowohl die wichtigen als auch die weniger wichtigen, von gewissen Voreingenommenheiten beeinflusst werden, ohne dass wir uns darüber im Klaren sind. So ist es beispielsweise statistisch bewiesen, dass die Augenfarbe unseres Elternteils des anderen Geschlechts (falls wir heterosexuell sind) in einer Vielzahl der Fälle mit der Augenfarbe unseres Lebenspartners übereinstimmt. Wir haben zwar das Gefühl, freie Entscheidungen treffen zu können, doch in Wirklichkeit existiert so etwas wie der freie Wille gar nicht.

 

Vor allem im Bereich der Personaleinstellung ist diese Erkenntnis von grosser Bedeutung, denn sie macht deutlich, dass wir bei der Kandidatenauswahl auf keinen Fall die unbewussten Einflüsse ausser Acht lassen dürfen, die auf unsere Entscheidung einwirken. Nehmen wir Unilever als Beispiel: Im vergangenen Jahr führte das Unternehmen ein Einstellungsverfahren durch, bei dem die eigentliche Auswahl der Kandidaten von einer Software getroffen wurde. Mit erstaunlichem Ergebnis: Die Diversität unter den eingestellten Mitarbeitern war im Vergleich zu bisherigen Einstellungsverfahren deutlich angestiegen. Wir müssen uns also eingestehen, dass wir bestimmte kognitive Voreingenommenheiten in uns tragen. Es handelt sich dabei um die Gesamtheit aller geistigen Funktionen, welche sich auf unserem Kenntnisstand begründen (Wahrnehmung, Sprache, Erinnerungen, Denkweise, Entscheidungen, Reaktionen).  Diese „Befangenheit“ können wir nur umgehen, indem wir völlig neutrale Herangehensweisen, wie etwa künstliche Intelligenz, für unsere Entscheidungsfindung hinzuziehen.

 

Ich möchte hier nicht sämtliche Voreingenommenheiten aufzählen, denn davon gibt es unzählige.  Wir sollten uns vielmehr die Frage stellen : Müssen wir (sofern möglich) unsere kognitiven Voreingenommenheiten unterdrücken? Sind sie ein Hindernis, das es auf alle Fälle zu überwinden gilt? Nein, ich glaube nicht!

 

Diese Voreingenommenheiten haben nämlich auch eine sehr nützliche Funktion, die sich gerade bei Einstellungsverfahren als hilfreich erweisen kann: Sie ermöglichen es uns, Hindernisse zu umgehen (z. B. Zeitaufwand), uns nicht mit unnötigen Dingen aufzuhalten (Effizienz) und auf direktem Weg zu einer Entscheidung zu gelangen. Ein ganz einfacher Überlebensmechanismus. Zu Zeiten der Jäger und Sammler hatten die Menschen, wenn sich ihnen in der Distanz etwas näherte, keine Zeit zu analysieren, ob es sich dabei um einen Bären oder eine Hirschkuh handelte: Sie mussten eine Entscheidung treffen. Die DNA derjenigen, die die falsche Entscheidung trafen, ist verschwunden. In unseren Genen befindet sich heute nur noch die DNA der Männer und Frauen, die alles stehen und liegen liessen und um ihr Leben rannten, ganz ohne vorherige Analyse.

 

Wenn wir uns auf der einen Seite gewisse Voreingenommenheiten bewusstmachen könnten, um gegen angeborene jedoch ungerechtfertigte Neigungen (Geschlecht, Alter, Rasse usw.) vorzugehen, dann könnten wir auf der anderen Seite unsere Intuition nutzen, um Leute zu finden, deren Wertvorstellung, Einstellung und Engagement am meisten dem entspricht, was wir oder unsere Kunden suchen. Mit anderen Worten: Nur weil ich eine Frau heirate, die die gleiche Augenfarbe hat wie meine Mutter, ist dies noch lange kein Grund dafür, dass die Ehe zum Scheitern verurteilt ist.