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What you see is NOT what you get oder warum man sich nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen sollte

Veröffentlicht am 23 Juli 2018 von Frank Gerritzen

Kein Zweifel: LinkedIn, Xing, Viadeo haben neben anderen sozialen Netzwerken die Welt der Personalbeschaffung massgeblich verändert. Nach einigen Jahren im Umgang mit diesen Hilfsmitteln im Rahmen der Personalbeschaffung scheint es mir wichtig, einmal ihren tatsächlichen Mehrwert herauszustellen.

Im Vergleich zu Facebook & Co. fiel es diesen sozioprofessionellen Netzwerken anfangs schwer, eine relevante Sparte für sich auszumachen, wodurch ihnen der Start nicht ganz so spielerisch gelang. Doch heute zeigt sich, dass ihnen die Positionierung im Markt erfolgreich gelungen ist, denn die Arbeitsplatzsuche (für Angestellte) stellt einen – wenn nicht sogar den zentralen – Wachstumsfaktor für LinkedIn dar, um nur dieses Beispiel zu nennen. Sobald erst einmal eine kritische Masse erreicht war, d. h. genügend Nutzer beigetreten waren, sodass die Nichtmitgliedschaft einen Nachteil darstellte, entwickelte sich die Situation mit positiven Auswirkungen schnell weiter.

Und auch die Unternehmen erkannten schliesslich: „Mithilfe dieser kostenlosen und frei zur Verfügung stehenden Kandidatenpools können wir uns die üblichen Personalvermittler sparen und die Arbeit selber übernehmen.“ Die Erfolge waren gross und sind es auch heute noch. Für Unternehmen stellte Vernetzung schon immer eine wichtige Quelle der Kandidatensuche dar und die Möglichkeiten dazu wurden dank der sozialen Netzwerke massgeblich gesteigert. Auch die Leiter dieser Netzwerke haben deren Nutzen klar erkannt und bieten nun Hilfestellungen und manche sogar Software zur Personaleinstellung an. Man könnte auch vom do it yourself der Personaleinstellung oder vom Hornbach für die Jagd nach den richtigen Kandidaten sprechen.

Es wird folglich niemanden verwundern, zu hören, dass auch wir, die Personalmanager, zur Kontaktaufnahme mit bestimmten Kandidaten oder zur Marktsondierung auf diese Hilfsmittel zugreifen. Daher ist auch die Analyse des Mehrwerts dieser Vernetzungshilfsmittel von besonderem Interesse. Tatsächlich hätte ein Sachverständiger aus dem Bereich Executive Search mit seinem Team vor zehn Jahren noch in mühsamer Arbeit ein Organigramm des Unternehmens erstellen müssen, bei dem er sich erhoffte, potentielle Arbeitnehmer anzusprechen. Heute können sie hingegen unwesentliche Arbeitsschritte überspringen und interessante Profile direkt kontaktieren. Daher bedeuten die sozialen Netzwerke für uns in erster Linie eine enorme Beschleunigung der Einstellungsverfahren.

Allerdings sollte man sich bewusst machen, dass auch wenn heute viele potentielle Kandidaten auf diesen Seiten vertreten sind, dies noch keine Garantie dafür ist, dass der PERFEKTE Kandidat für die eigenen Zwecke auch dort registriert ist. Vielleicht ist dieser Kandidat z. B. auf einer anderen, fachspezifischen oder regionalbezogenen Seite angemeldet. Wir erhalten demzufolge zwar einen nützlichen, jedoch unvollständigen Einblick in den „Markt“. Um die unterschiedlichen Kandidaten also umfassend bewerten zu können, ist es notwendig, einen Überblick über das gesamte „Angebot“ zu haben.

Angesichts der Menge an Informationen, die nun zur Verfügung steht, ist es jedoch noch viel wichtiger und für ein erfolgreiches Einstellungsverfahren unerlässlich, diese Informationen besser einmal mehr als weniger zu überprüfen: Um LinkedIn, Viadeo oder Xing beizutreten, wird nämlich keine „Qualitätskontrolle“ der Informationen verlangt oder durchgeführt. Die Profile, die man auf diesen Seiten findet, entsprechen also womöglich nicht vollständig der Realität. Sei es aufgrund ausgelassener Informationen, bewusst falsch hinzugefügter Informationen, nicht länger gültiger Informationen oder einer Mischung aus allem.

Also Vorsicht: What you see is (generally) NOT what you get (1).

(1) Ähnlich der Situation vor WYSIWYG („what you see is what you get“) in den 90er Jahren. Alle unter 30-Jährigen können mit diesem Begriff wahrscheinlich nichts mehr anfangen: Er bezieht sich auf eine Verbesserung der Bildschirmanzeige von Word-Dokumenten und der Fähigkeit von Windows 3.1 (!), Dokumente so darzustellen, wie sie auch gedruckt werden, was mit den vorherigen Betriebssystemen bis dato nicht möglich war.