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Wie kann man das Subjektive objektivieren?

Veröffentlicht am 20 August 2018 von Frank Gerritzen

Bittet man die Personen einer zufällig ausgewählten Stichprobe, ihre eigenen Fähigkeiten beim Autofahren zu beurteilen, schätzen sich ungefähr 80% der Personen als überdurchschnittlich gut ein. Das ist ein Problem!

Die beiden Psychologen Dunning und Kruger haben Ende des letzten Jahrhunderts Folgendes festgestellt: Je schlechter man etwas beherrscht, desto schlechter kann man seine Fähigkeiten in diesem Bereich einschätzen und desto mehr neigt man zur Selbstüberschätzung. Tatsächlich sind es genau die fehlenden Kenntnisse, die einer korrekten Selbsteinschätzung dienen würden.

Aus dieser These folgt, dass die kognitive Verzerrung genau in die andere Richtung geht, wenn man eine grosse Begabung für etwas hat. Man kann sich dann nicht vorstellen, dass andere nicht das tun können, was man selbst so gut kann. Der erste Typ kognitiver Verzerrung ist also nach innen gerichtet – man hat ein falsches Bild von sich selbst. Der zweite ist nach aussen gerichtet – man hat ein falsches Bild von den anderen.

Was bedeutet das für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter? Schauen wir uns das zunächst aus der Perspektive der Person an, die das Bewerbungsgespräch durchführt. Was der Bewerber über sich sagt, hat keinen Wert, solange es nicht auf irgendeine Weise bestätigt werden kann – zum Beispiel durch ein Empfehlungsschreiben oder, noch besser, eine Art praktischen Test in Form einer Aufgabe, eines Praktikums oder einer Probezeit.

Es können noch mehr Informationen aus der Situation herausgeholt werden, sobald sich abzeichnet, zu welcher Gruppe der Bewerber gehört: zu denen, die sich unterschätzen oder zu denen, die sich überschätzen. Ist die Leistung eines Bewerbers weit von den Angaben über seine Kenntnisse entfernt, liegt das entweder daran, dass er viel besser oder dass er viel schlechter ist, als er behauptet. Im ersten Fall bedeutet das auch, dass er an seinen vorherigen Arbeitsplätzen nur wenig Feedback über seine Leistungen erhalten hat und im zweiten Fall… man weiss es nicht. Ein weiteres Merkmal sich überschätzender Personen ist, dass sie wenig empfänglich für Vorwürfe oder Kritik sind. Wozu sollte ich die Meinung anderer berücksichtigen, wenn ich doch selbst weiss, was ich weiss? Ein ausgezeichneter Bewerber möchte dahingegen immer mehr über seinen Interessenbereich erfahren. Während des Bewerbungsgesprächs sollte man also auf das Desinteresse beziehungsweise das Interesse des Bewerbers an Weiterbildungsmöglichkeiten achten.

Und was kann der Bewerber nun mit der Information anfangen, dass eine kognitive Verzerrung vorliegen kann? Ob er sich nun über‑ oder unterschätzt, das Wichtigste ist, dass er seine gleich – oder untergestellten Kollegen und seine Vorgesetzten systematisch um Rückmeldung bittet, um sich seiner eigenen kognitiven Verzerrung bewusst zu werden. Solch ein Bewusstsein erlaubt es dem Bewerber, seine Selbsteinschätzung so gut es geht anzupassen und zu objektivieren.

Für einen kompetenten Bewerber mit sehr guten Kenntnissen wird dieses Unterfangen viel einfacher sein als für einen Bewerber, der nur das Gegenteil von sich behaupten kann. Vor ungefähr 2.500 Jahren sagte Konfuzius bereits: „Wissen, was man weiss, und wissen, was man nicht weiss – das heisst wahrhaft wissen.“ Der Unwissende erkennt nicht einmal, dass er unwissend ist!

Artikel veröffentlicht in Französisch auf HR Today Le Blog (leblog.hrtoday.ch)