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Wilderei im Bereich Human Resources

Veröffentlicht am 27 September 2016 von Vincenzo Ganci

Die Abwerbung von Arbeitskräften nennt man im Englischen „Poaching“, zu Deutsch „Wilderei“. In seiner ursprünglichen Anwendung ist der Begriff negativ behaftet; er bezeichnet eine Praxis, die sich irgendwo zwischen Heimtücke und schlichtweg illegalem Verhalten einordnet. In Deutschland wurde in den Neunzigern der Ruf nach einem Verbot der direkten Ansprache von Angestellten durch Headhunter laut. Die Begründung dafür lautete, dass auf diese Weise die Ressourcen eines Arbeitgebers abgezogen würden. Dieses formalrechtliche Argument konnte nicht überzeugen. Als Headhunter sehen wir die Rolle und den Wert unseres Berufsstandes im allgemein wirtschaftlichen Kontext, aber auch speziell für den Arbeitsmarkt ganz anders.

Allerdings stossen wir manchmal seitens der Unternehmen, mit denen wir in Kontakt treten – ob Kunde oder nicht – auf ein gewisses Unbehagen. Woher kommt dieser Missmut? Wahrscheinlich verbirgt sich dahinter oft die Angst davor, Mitarbeiter zu verlieren, verbunden mit den praktischen und finanziellen Konsequenzen, die ein Weggang mit sich zieht. Erst vor Kurzem wurden wir erneut Zeuge dieses Unbehagens. Wir erhielten einen Brief von einem Unternehmen – unterzeichnet durch alle Führungskräfte –, in dem wir dazu ermuntert wurden, bei Ihnen keine Mitarbeiter mehr auf direkte Weise auf neue berufliche Chancen anzusprechen. Ein offenkundiger Mangel an Selbstvertrauen!

Aus unserer Sicht handelte es sich hier bestenfalls um den naiven, schlimmstenfalls um den verzweifelten Versuch, Mitarbeiter an ein Unternehmen zu binden. Doch diese Strategie wird Arbeitskräfte nicht davon abhalten, über die Grenzen des Arbeitgebers hinaus nach beruflichen Weiterentwicklungschancen zu suchen. Dafür müsste man sie schon komplett vom Rest der Welt isolieren. Die meisten Arbeitnehmer sind glücklich, dort wo sie sind. Unsere Statistiken zeigen, dass nur eine von zehn Personen, die wir auf die Möglichkeit einer neuen Anstellung ansprechen, an einem Gespräch interessiert ist. Der zufriedene Mitarbeiter wird sich höchstens die Argumente des Headhunters anhören, um sich danach in seiner Entscheidung, dem Status quo treu zu bleiben, bestätigt zu fühlen. Und so soll es auch sein. Die Reaktionen auf unsere Einladungen sind von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich und reflektieren das dort vorherrschende Arbeitsklima. Es ist nun einmal Aufgabe des Arbeitgebers, zu gewährleisten, dass seine Mitarbeiter sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen – aber das ist ein anderes Thema.

Unser Berufsstand hat tatsächlich auch den Austritt des ein oder anderen Angestellten aus einem Unternehmen beschleunigt – und das nicht zum Nachteil! Wir lesen vielerorts, dass in modernen Unternehmen der Präsentismus als eines der grössten Übel gilt. Daher können wir stolz darauf sein, in diesem Ökosystem ein solch nützliches Amt zu bekleiden, und dazu beizutragen, die richtige Person für die richtige Stelle zu finden. Mit neu gewonnener Motivation treten diese dann ihre neue Stelle an und machen Platz für Nachfolger, die wiederum in ihrer neuen Funktion noch besser geeignet sind als ihre Vorgänger. Jeder Versuch eines Arbeitgebers, einem Mitarbeiter die Freiheit zu nehmen, neue Berufschancen in Erwägung zu ziehen, ist unsinnig, kontraproduktiv und illegal.